Es klingt enttäuschend: Das Ehemaligentreffen am 14. September 2002 findet nicht statt. Ich möchte einer solchen Enttäuschung nicht zustimmen.

Das erste Ehemaligentreffen der Biesdorfer Schülerinnen und Schüler fand im September 1988 statt. Es war auf einen vielfachen Wunsch hin ungezielt und langfristig vorbereitet worden. Mit besonderer Sorgfalt war der Termin im frühen Herbst abgestimmt worden. ‚Wir hatten damals vom Ehemaligenkreis alle ehemaligen Schülerinnen und Schüler des Sankt-Josef-Gymnasiums angeschrieben, ‚also nicht nur die, die zum Ehemaligenkreis gehören. Das waren etwa 800 Versendungen. Die Resonanz war groß. Etwa 380 Ehemalige meldeten sich zu diesem Treffen an, etwa 400 kamen. Es war ein stimmungsvoller Nachmittag und Abend, der bis tief in die Morgenstunden des folgenden Sonntags reichte. Der Wunsch nach einer Wiederholung wurde geäußert, und es wurde auch schon konzipiert: nach drei Jahren oder nach fünf Jahren. Mit Verlaub, ein solches Treffen, erstmalig für alle Jahrgänge von 1966 bis 1988, hat auch etwas Einmaliges an sich. Viele kamen, um zu sehen, was geworden war, andere hatten einfach Interesse aneinander, manche wollten auch ehemaligen Lehrern einmal wiederbegegnen. Auch waren gewisse Verwundungen und Verletzungen, wie sie in Schulen und Internaten vorkommen, inzwischen vernarbt oder verheilt, so dass eine Rückkehr an einen Ort der eigenen Jugend reizen könnte. Das alles begründet aber keine andauernde Lebensgemeinschaft, die auf wiederholte Begegnungen in, einem solch großen Rahmen angelegt ist. Begegnungen, Verbindungen und Beziehungen gibt es immer wieder aber der Rahmen ist in der Regel kleiner, und manchmal ist die Form eher spontan. Bleibt aber anzumerken, dass dieses erste Treffen sehr stark von ehemaligen Internatsschülern geprägt war, die tatsächlich eine klassenübergreifende Lebensgemeinschaft in den Jahren ihrer schulischen Ausbildung erlebt hatten und diese nun noch einmal aufleben ließen. Aber eine Rückkehr nach Biesdorf in der Form eines solchen Treffens sollte ja nicht einem Zustand in der Jugend dauernden – wenngleich periodischen - bestand verleihen. Jene, die zu diesem ersten Treffen kamen, kamen - darüber hinaus - zum Teil aus den Gegenden ihrer Herkunft und ihres dort verbliebenen Lebensmittelpunktes, also aus Oldenburg, aus Westfalen aus der Rhön, andere reisten damals von ihren Wohnorten an, die inzwischen noch weiter entfernt vom Schulort lagen - von Hamburg und Hannover, von Berlin und von München oder von Stuttgart. Solche Anreisen wiederholt man nicht so einfach, zumal Verpflichtungen, Verbindungen und zeitliche Planungen anderer Art im Verlauf der Jahre Vorrang nehmen, vor großen Treffen von Schülerinnen und Schülern der gleichen Schule.

Der Ehemaligenkreis hatte den Wunsch nach einer Wiederholung des ersten Treffens aufgenommen und ein zweites Treffen vorbereitet: wieder mit Einladung, Rückmeldung und weiteren Vorbereitungen. Es wurde dabei die Mitte angezielt zwischen drei und fünf Jahren, also nach vier Jahren, und demnach wurde der September 1992 „ausgeguckt“. Was vermutet - oder befürchtet worden war - trat dann auch ein. Etwa 180 Ehemalige meldeten sich an, etwa 200 kamen. Wir haben das nachher nicht weiter thematisiert, auch nicht publiziert: Zur Stimmung des ersten Treffens kam es nicht wieder, auch warf das im Auslauf befindliche Internat schon seine Schatten voraus, das ganze Treffen wurde eher trocken und etwas lustlos. Um zwei Uhr nachts verabschiedeten sich nach diesem Samstag die letzten. Es gibt gewisse Dinge, die kann man nicht einfach wiederholen, zumal wenn sich die Situation wandelt oder gewandelt hat. Als gleichwohl der Wunsch nach einem erneuten Ehemaligentreffen in den letzten Jahren wiederholt genannt wurde, erinnerten wir uns an einen Vorschlag aus dem Rückblick auf das Treffen von 1992: frühestens nach zehn Jahren. Damals hatten einige Abiturienten dieses Jahrgangs 1992 dagegen opponiert: „Dann sind wir ja schon Großväter“. Großväter sind sie in diesem Jahr sicher noch nicht. Aber die Tatsache, dass sich nicht einmal 40 Ehemalige zu diesem Treffen angemeldet haben, spricht ihre eigene Sprache, sie spricht nicht gegen die Ehemaligen, sondern eher dafür, dass solchen großen Treffen nur schwer ein regelmäßiger Bestand zukommen kann. Man trifft sich, ja, im kleineren Kreis der ehemaligen Jahrgangsstufen. Zum „Zehnjährigen“ des Abi-Jahrgangs von 1992 kamen fast alle, das „Zwanzigjährige“ des Abiturjahrgangs 1982 wurde gebührend gefeiert. Und immer wieder gibt es die Begegnungen am Tag der Hauskirmes, mit geringerer Zahl auch beim dortigen Ehemaligentreff um 14.30 Uhr im Mehrzweckraum, und es gibt Treffen und Begegnungen weit darüber hinaus. Nicht alles lässt sich organisieren, und mag die eigene Schulzeit auch noch so prägend gewesen sein oder begründend für Freundschaften, Beziehungen oder persönliche Kontakte - „spätere Heirat nicht ausgeschlossen“ -, das Diktum von Josef Thiel hat etwas Bedenkenswertes an sich. „Was hat ein Abiturient des Jahres 1966 noch mit einem Abiturienten des Jahres 2002 zu tun?“ Die gemeinsame Schule verbindet, aber die Jahrgänge sind es, die ihre Wege gehen, letztlich geht jeder seinen eigenen Weg. Wenn dann über die vielen Verbindungen und Beziehungen hinweg noch gemeinsame Kontaktorgane gelingen wie etwa die gemeinsame Homepage oder die wiederbelebten „Kontakte“ - ist das doch auch etwas, das zumindest eine allgemeine Verbindung miteinander und zum gemeinsamen Schulort wahrt.

Wir, besonders in der südlichen Eifel, lieben es, Verbindungen zu bewahren. Die Bodenständigkeit wird hier zu einem ausgesprochen personalen Wert. Die Biesdorfer Schulgemeinschaft hat es mit diesem - nicht nur landschaftlich bedingten - Zusammenhalt. „Man verliert sich nicht, wenn man einmal hier gewohnt hat oder gar zuhause war.“ Aber die Formen des Zusammenhalts lassen sich nur bedingt organisatorisch vorgeben, sie wirken und entfalten sich eigenständig. Lassen wir also die Wasser des Zusammenhalts laufen und zwingen sie nicht in ein Bett, das letztlich und eigentlich zu begrenzt ist für die Vielfalt, die entstanden ist, vielleicht darum auch zu künstlich, oder am Ende gar zu klein und womöglich zu unpersönlich. Vielleicht ergibt sich in der Zukunft wieder einmal ein Anlass, der ein solches Treffen sinnvoll macht. Der alleinige Zusammenhalt der 48 Jahrgänge der Ehemaligen unter sich reicht da vermutlich nicht aus.

Reinhard Vitt