{"id":66,"date":"2002-09-28T10:05:15","date_gmt":"2002-09-28T09:05:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ehemalige-biesdorf.de\/wp\/2002\/09\/28\/kommentar-die-bibliothek-von-herrn-beyer\/"},"modified":"2008-01-21T10:45:03","modified_gmt":"2008-01-21T09:45:03","slug":"kommentar-die-bibliothek-von-herrn-beyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ehemalige-biesdorf.de\/?p=66","title":{"rendered":"Kommentar: Die Bibliothek von Herrn Beyer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Reinhard Vitt<\/strong><\/p>\n<p><span class=\"normal\">Herr Beyer war ein leidenschaftlicher Sammler von B\u00fcchern und Zeitschriften. Bei der Durchsicht seiner Bibliothek fiel auf, da\u00df diese Leidenschaft - im wohlverstandenen Sinn dieses Wortes - ihm nahezu von seinem Wesen her zu eigen war. Die ersten Sammlungen gehen in sein zehntes Lebensjahr zur\u00fcck, es sind Zeitschriften aus den beginnenden drei\u00dfiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Dabei f\u00e4llt von Anfang an der &#8222;gute Geschmack&#8220; und die Qualit\u00e4t auf, unter der diese Sammlung stand. F\u00fcr einen Jungen in diesen fr\u00fchen Jahren ist das erstaunlich. Demgem\u00e4\u00df wurden diese ersten und fr\u00fchen Sammlungen auch nie aussortiert, sondern blieben Bestand der gro\u00dfen Bibliothek von Herrn Beyer. In den Jahren seiner schulischen Ausbildung bei den Steyler Missionaren setzte Herr Beyer die anf\u00e4ngliche Sammlung fort, und es bleibt erkennbar, wie er sich auch die ersten gr\u00f6\u00dferen Werke zugelegt hat. So hat er sich die &#8222;Konfessionskunde&#8220; von Konrad Algermissen - ein bis heute anerkanntes Standardwerk - w\u00e4hrend seiner Schulzeit in Einzelschriften erworben. Sammlung war f\u00fcr den jungen Josef Beyer demnach keine Anh\u00e4ufung von Material, sondern ein sich fr\u00fch erweiternder Raum seines Lebens und seiner geistigen Besch\u00e4ftigung wie Auseinandersetzung.<\/span><\/p>\n<p>Diese ersten Reihen sind \u00fcbrigens mit einem sch\u00f6nen und klaren Stempel in schlichter Jugendstilschrift versehen: Josef Beyer Koxhausen. Sp\u00e4ter fehlt nicht nur jede Signatur dieser und jeder anderer Art. Nur von den Einb\u00e4nden her l\u00e4\u00dft sich auf den h\u00e4ufigen Gebrauch der Werke schlie\u00dfen, im Inneren finden sich - ausgenommen die direkten Studienwerke und sp\u00e4teren Schulb\u00fccher - keinerlei Leserzeichen, Lesernotizen oder gar Randglossen. F\u00fcr Herrn Beyer scheint das Buch, ungeachtet seiner Qualit\u00e4t als Fundgrube der Erkenntnis und Ort der Besch\u00e4ftigung wie Auseinandersetzung, nie den Charakter des Wertvollen und Pflegsamen, gar etwas Heiligen, verloren zu haben. Die Sammlung bis zum Beginn seines Studiums in Bonn - hier taucht dann gelegentlich die Signatur Josef Beyer, stud. phil. auf - besteht unter anderem aus expressionistisch gepr\u00e4gten Periodica, Jahresschriften und Zeitschriften, unterschiedlicher Intensit\u00e4t. Diese wurden sicher im Laufe der Zeit historisches Material, hatten keinen direkten Bezug zur ver\u00e4nderten Gegenwart mehr, wurden aber mit einem sicheren Gesp\u00fcr f\u00fcr historische Quellenlage und pers\u00f6nliche Werdensgeschichte bewahrt und sogar in den Folgeerscheinungen - wo diese gegeben waren - bis in die unmittelbare Gegenwart fortgef\u00fchrt. Da\u00df sich darunter auch eine Serie von Nachkriegsausgaben des Sendboten befindet - dies ist die Zeitschrift der Missionare von der Heiligen Familie - hat mich \u00fcberrascht, denn es gab zu dieser Zeit zwischen Herrn Beyer und dem Tr\u00e4ger der Biesdorfer Schule keine Beziehungen.<\/p>\n<p>Die Sammlung von Herrn Beyer w\u00e4hrend seines Studiums der klassischen Philologie und der Geschichte, des Referendariates und einer Zwischent\u00e4tigkeit als Lektor eines Verlages schl\u00e4gt sich nieder in den Bereichen: Interpretation der Antike, dogmatische Erkundung und moraltheologische Orientierung. Dieser Bestand ist relativ klein und verweist auf die \u00dcbernahme von Teilen untergangener beziehungsweise ehemaliger Schulbibliotheken. Zu einer ersten Entfaltung kam die Bibliothek von Herrn Beyer w\u00e4hrend seiner T\u00e4tigkeit an einem Ordensgymnasium f\u00fcr M\u00e4dchen in Duisburg. Hier f\u00e4llt unter anderem die Beschaffung jener dickleibigen B\u00e4nde &#8222;Lexikon der Frau&#8220; auf, ein fr\u00fches feministisches Werk zur Frauengeschichte, Frauenkultur und fraulichen Lebensgestaltung. Der stark abgegriffene wei\u00dfe Halbledereinband deutet auf eine intensive Besch\u00e4ftigung hin mit dem, was wir heute als &#8222;Frauenfrage&#8220; bezeichnen w\u00fcrden. Nur &#8222;b\u00f6se Buben&#8220; k\u00f6nnten meinen, Herr Beyer habe zum Lexikon statt zur Person &#8222;gegriffen&#8220;. Die Entscheidung, alleine zu bleiben, hat er erst in Biesdorf getroffen, und die Welt der B\u00fccher war f\u00fcr ihn kein &#8222;Wolkenkuckucksheim&#8220;, sondern stand immer in Beziehung zu seiner eigenen Formung, personalen Weitung, kenntnisreichen Pr\u00e4gung und kritisch pr\u00fcfenden Orientierung als Lehrerpers\u00f6nlichkeit. Diese Formung von Geist und Seele und die gr\u00fcndliche Orientierung seines Lebens war sicher sehr pers\u00f6nlicher Art, ging aber immer zugleich hin\u00fcber in den schulischen Dienst der Vermittlung von Wissen und Wert, der Orientierung an Fakten und Ma\u00dfst\u00e4ben und der gepflegten und kenntnisreichen Begleitung der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Seine pers\u00f6nliche Ausformung und Ausbildung hat Herr Beyer \u00fcber die weiter wachsende Welt seiner B\u00fccher auch nach seiner Pensionierung im Jahr 1986 intensiv fortgesetzt. In seiner ihm eigenen Weise repr\u00e4sentierte Herr Beyer sehr konkret die Unermesslichkeit des Geistes, die mit einem nahezu ungeheuren Hunger nach Wissen, Kenntnis und Orientierung korrespondiert. Insofern ist diese etwa 20.000 Schriften umfassende Bibliothek nicht nur eine ungeheure Investition, sie ist viel mehr der Niederschlag eines lebenslangen Studiums und einer st\u00e4ndigen Annahme der Herausforderungen und Fragen, die die Zeit an eine Person stellen kann. Da\u00df diese Antworten nicht aus einer Enge, sondern aus einer Weite, und vor allem aus einer Tiefe heraus gesucht wurden, mu\u00df nun nicht mehr eigens herausgestellt werden.<\/p>\n<p>Reinhard Vitt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Reinhard Vitt Herr Beyer war ein leidenschaftlicher Sammler von B\u00fcchern und Zeitschriften. Bei der Durchsicht seiner Bibliothek fiel auf, da\u00df diese Leidenschaft &#8211; im wohlverstandenen Sinn dieses Wortes &#8211; ihm nahezu von seinem Wesen her zu eigen war. 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