{"id":127,"date":"2008-02-20T20:08:03","date_gmt":"2008-02-20T19:08:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ehemalige-biesdorf.de\/wp\/2008\/03\/05\/offener-brief-zum-gedenken-an-josef-beyer\/"},"modified":"2008-03-05T21:05:05","modified_gmt":"2008-03-05T20:05:05","slug":"offener-brief-zum-gedenken-an-josef-beyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ehemalige-biesdorf.de\/?p=127","title":{"rendered":"Offener Brief zum Gedenken an Josef Beyer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der ehemalige Biesdorfer Sch\u00fcler Franz Meures (Abitur-Jahrgang 1970) ist heute Rektor des Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom. In einem offenen Brief w\u00fcrdigt er Josef Beyer, seinen fr\u00fcheren Lehrer am Biesdorfer Gymnasium.<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Biesdorfer und ehemalige Schulfreunde,<\/p>\n<p>&#8230;  Zuletzt sah ich Josef Beyer auf dem Klassentreffen des Jahrgangs 1970 am 17. Juni 2000 in Irrel. Wie selig war er damals, uns wieder zu treffen, denn wir waren 1962 die erste Klasse, mit der er selbst in Biesdorf als Lateinlehrer und Klassenlehrer begann. Er blieb bis zum Abitur unser Klassenlehrer. Beim Klassentreffen 2000 bot er allen das &#8222;Du&#8220; an - eine unglaubliche Sache bei einem so alt-ehrw\u00fcrdigen Magister. Er verstarb am 24. 10. 2001 im Alter von 77 Jahren.<\/p>\n<p>Sein Bruder Alois Beyer lud mich im Dezember 2004 ein, ihn in Koxhausen, dem Heimatort der Familie, zu besuchen. Er wollte mir noch einige Dinge aus dem Nachlass von Josef Beyer schenken, u. a. ein sehr wertvolles lateinisches Missale (Messbuch des Priesters) aus dem Jahr 1962, das sich der damalige Assessor Josef Beyer kurz vor der Liturgiereform gekauft hatte. Er war Laie, muss aber f\u00fcr dieses Priestermissale fast ein Monatsgehalt investiert haben. Ich konnte auch zum Grab des von mir so hoch gesch\u00e4tzten Josef Beyer gehen und zusammen mit der Familie dort ein Vater unser beten.<\/p>\n<p>Als kleines Denkmal f\u00fcr Josef Beyer m\u00f6chte ich hier eine Nikolausrede abdrucken, die ich im Dezember 1969, ein halbes Jahr von unserem Abitur, in alten Hexametern gedichtet habe. Nikolaus war damals Herbert Zimmermann. Er sprach den damaligen Oberstudienrat Josef Beyer, der zur B\u00fchne zitiert worden war, in folgender Weise an:<\/p>\n<p align=\"left\">&#8222;O, wen erblicket mein Auge, \/ welch edle Gestalt der Antike,<br \/>\nm\u00e4chtig in Worten und Weisheit \/ steht hier nun ein Freund aller G\u00f6tter!<br \/>\nAch, welch entsetzliches Unrecht \/ ereilt ihn, der fast schon unsterblich;<br \/>\ndenn  seine geistige Gr\u00f6\u00dfe \/ verkennen die Scharen der Sch\u00fcler.<\/p>\n<p align=\"left\">Wenn er des Tacitus Texte \/ erl\u00e4utert in herrlichen Worten,<br \/>\nwenn philosophisches Denken \/ erkl\u00e4render Worte bed\u00fcrfte,<br \/>\nschlafen die Geister der m\u00fcden, \/ r\u00f6merverachtenden Sch\u00fcler.<br \/>\nSo bleibt sein eifriges M\u00fchen \/ t\u00e4glich von Neuem vergebens.<\/p>\n<p align=\"left\">Sein unglaubliches Wissen \/ sch\u00f6pft er aus Bergen von B\u00fcchern.<br \/>\nDeren erhebliche Anzahl \/ w\u00e4chst noch von Monat zu Monat.<br \/>\nSchr\u00e4nke und B\u00fccherregale \/ beginnen seit langem zu bersten.<br \/>\nSeine verdunkelte Wohnung \/ ist l\u00e4ngst schon Opfer derselben.<\/p>\n<p align=\"left\">Doch hoher Drang nach der Weisheit \/ erf\u00e4hret bei ihm keine Grenzen,<br \/>\ndass drum die heilige Bettstatt \/ muss schon als B\u00fccherbord dienen.<br \/>\nSolche einer Menge von Lettern \/ erlagen die feurigen Augen,<br \/>\ndass er mit gl\u00e4serner Brille \/ nun Abhilfe suchet zu schaffen.<\/p>\n<p align=\"left\">Wenn er nach qualvollem Morgen \/ in den Geb\u00e4uden der Schule,<br \/>\nnach dem vergeblichen Kampfe \/ die Sch\u00fcler Methode zu lehren,<br \/>\nstrebt mit beschwingetem Fu\u00dfe \/ hinauf zu der heimischen H\u00fctte,<br \/>\nfreut sich im innersten Busen \/ sein Herz auf die Sch\u00e4tze der B\u00fccher.<\/p>\n<p align=\"left\">Bald nach dem eiligen Mahle \/ ergibt er sich ihrem Genusse,<br \/>\nsauget das Wissen der Denker \/ in sich hinein mit Behagen.<br \/>\nEndlich beim d\u00e4mmernden Lichte \/ steigt er hinab zu den Schatten.<br \/>\nDort trifft er seine geliebten \/ Autoren aus uralten Zeiten:<\/p>\n<p align=\"left\">Sophokles, Seneca, Platon \/ Livius, Cato und Caesar<br \/>\nfindet er fr\u00f6hlich vereinet \/ unten im schrecklichen Hades.<br \/>\nDaraufhin k\u00fcsst ihn die Muse \/ die liebliche Tochter Kronions,<br \/>\nf\u00fchrt ihn hinauf zu den G\u00f6ttern \/ zu der Unsterblichen Reiche,<\/p>\n<p align=\"left\">zeigt ihm die Sch\u00e4tze der Weisheit \/ gibt ihm die wahre Erkenntnis.<br \/>\nSchlie\u00dflich doch - v\u00f6llig erm\u00fcdet - \/ geht er sehr sp\u00e4t erst zu Bette.<br \/>\nSelbst dann im Schlaf noch umarmt ihn \/ die Muse in g\u00f6ttlichen Tr\u00e4umen<\/p>\n<p align=\"left\">. . .<\/p>\n<p align=\"left\">Morgens fr\u00fch warten die Sch\u00fcler \/ auf den gestrengen Magister.<br \/>\nEr, der er sonst doch so p\u00fcnktlich, \/ scheint seinen Grundsatz zu brechen.<br \/>\nUnd es beginnet die Stunde \/ ohne dass er schon erschienen.<br \/>\nZeus selbst, der m\u00e4chtge Direktor, \/ wei\u00df keine Gr\u00fcnde des Fehlens.<br \/>\n(damals Direktor P. B\u00fcllesbach MSF)<\/p>\n<p align=\"left\">Bangen beschleicht die Gem\u00fcter, \/ man f\u00fcrchtet schon um den Gelehrten.<br \/>\nEr jedoch ruht noch im Bette, \/ und ahnt nicht die Sp\u00e4te der Stunde.<br \/>\nEndlich erweckt ihn Aurora, \/ die rosengefingerte R\u00f6te.<br \/>\nUnd er erwachet mit Schrecken \/ ob des versp\u00e4teten Schlafens,<br \/>\nschreitet nun eilig zur Schule, \/ Zeussens Gegrolle bef\u00fcrchtend.<br \/>\nDer jedoch \u00fcbet die Nachsicht, \/ froh, ihn gesund noch zu sehen.<\/p>\n<p align=\"left\">Ebenfalls ich will nicht z\u00fcrnen, \/ Du edelster Freund aller G\u00f6tter.<br \/>\nDenn das Gel\u00e4ster der Sch\u00fcler \/ war schon genut Dir der Strafe!<br \/>\nDoch dass es nicht mehr geschehe, \/ schenk ich Dir dies Chronometer,<br \/>\ndass Du die P\u00fcnktlichkeit wahrest, \/ die Dir so hoch steht in Ehren!&#8220;<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">In dankbarem Andenken<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>P. Franz Meures SJ<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Rektor des Collegium Germanicum et Hungaricum<br \/>\nVia di San Nicola da Tolentino, 13<br \/>\nI-00187 Roma<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ehemalige Biesdorfer Sch\u00fcler Franz Meures (Abitur-Jahrgang 1970) ist heute Rektor des Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom. In einem offenen Brief w\u00fcrdigt er Josef Beyer, seinen fr\u00fcheren Lehrer am Biesdorfer Gymnasium. Liebe Biesdorfer und ehemalige Schulfreunde, &#8230; Zuletzt sah ich Josef Beyer auf dem Klassentreffen des Jahrgangs 1970 am 17. Juni 2000 in Irrel. 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